Partisanin: A long story short

Partisanin ist online. Endlich. Was Partisanin ist? Unsere Wahlkampf-App. Ja, ja, Apps sind gerade ganz beliebt, jeder macht Apps und schmeißt die auf den Markt. Hauptsache, das Parteilogo blinkert im App-Store. Manche sind nicht mehr als bessere Newsreader, andere nur bessere Formulare. Meistens geht Kommunikation nur in eine Richtung und der tatsächliche Mehrwert für die UserInnen steht mindestens in Zweifel.

Unsere App will da anders sein. Wir hatten nicht das Ziel, irgendeine App zu entwickeln. Im Gegenteil. Bereits vor Jahren gab es, nach dem Aufkommen der mobilen Endgeräte in der Smartphone-Klasse, die Idee, eine Karte zum Registrieren von aufgehängten Plakaten zu realisieren. Es gab einige Proof-of-Concepts, letztlich wurde das mangels Zeit und Ressourcen erst einmal verworfen. Erst später erfuhren wir, dass die Piraten genau die gleiche Idee gehabt haben. Und umgesetzt haben. Dafür auch heute noch mal ein aufrichtiges „Chapeau“.

Das Bedürfnis, eine App zu bekommen, mit der man Plakate auf einer Karte registrieren kann, blieb in der Partei ziemlich groß. Verschiedene Strukturen kamen immer wieder mit dieser Idee um die Ecke und forderten Umsetzung. Unter dem Projektnamen „myHQ“ ist dann in unserer Landesgeschäftsstelle ein Konzept entwickelt worden. Wir wollten nicht einfach die Plakatekarte kopieren. Wir wollten eine eigene Idee an den Start bringen.

Es kamen damals zwei Umstände zueinander, die die Appidee beflügelten. Das eine war, dass ich mich nach einer langen Debatte mit dem HAMBURGER WAHLBEOBCHTER über Sinn und Unsinn des Einsatzes von Tinder im Wahlkampf gerade auf dieser App rumtrieb, um mir das anzuschauen. Daraus ist damals ein Artikel entstanden, wieso das keine so gute Idee ist. Auf der anderen Seite gab es gerade den Hype um Pokemon Go. Ein einfaches Spielprinzip, was Leuten für’s Spazierengehen Prämien versprach. Klassischer Fall von Gamification. Wir hatten dann die Idee, die beiden Konzepte zusammenzubringen und auf unsere Plakatekarte anzuwenden: Leute, die nicht in klassischen Parteistrukturen unterwegs sind, sollten unsere App verwenden können, um sich zu vernetzen. Sie sollten mit Menschen in Kontakt kommen und sich so an der Kampagne beteiligen können. Einmal beigetreten, sollten sie in der Kampagne für erst einmal langweilige Wahlkampfaktivitäten wie das Beflyern von Briefkästen durch virtuelle Punkte belohnt werden. Virtuelle Prämien sollten ausgeschüttet werden. Gamification halt.

Wir haben mit der aktiven Entwicklung der App schließlich erst Anfang dieses Jahres beginnen können. Ein kleines Team, ein geringes Entwicklungsbudget. Keine guten Startvoraussetzungen für so ein Projekt. Zumal es, gerade weil es ein innovatives Konzept war, nicht auf bestehenden Systemen aufsetzen konnte. Im Nachhinein waren wir alle, die wir beteiligt waren, vielleicht ein bisschen naiv. Aber sonst geht man so ein Projekt wahrscheinlich auch nicht an.

Kurz und gut: Während ich diese Zeilen schreibe, sind wir ziemlich exakt drei Monate über dem ursprünglichen Zeitplan. Die App kann heute nur 80% von dem, was sie leisten sollte. Aber wir sind live. Wir haben es tatsächlich geschafft, eine Software an den Start zu bringen, die grundhaft die Züge unserer ursprünglichen Konzeption umsetzen kann. Wie haben darüber hinaus ein Datenmodell, das auch die restlichen 20% abbildet und so die Tür aufstößt, dies auch in Zukunft umzusetzen. Wir haben uns dafür entschieden, die Bundestagswahlen zwar als ersten Ernstfall zu sehen, aber eben auch als Test. Wir nutzen die UserInnenerfahrungen, um dieses kleine Stück Software, das wir gemeinsam auf den Weg gebracht haben, zu testen. Und weiterzuentwickeln. Um dann, binnen der nächsten zwei Jahre, ein wirklich grundfestes Kampagnentool entwickeln zu können.

Was hat uns ausgebremst? Ich werde mich auf die technischen Details beschränken: Wenn man so ein Tool plant, dann kann man sich die Ausmaße einer Kampagne kaum vorstellen. Wir haben in Sachsen im Landtagswahlkampf 2014 rund 55.000 Plakate gehangen, rund 1 Millionen Wahlkampfzeitungen verteilt, 300.000 Kurzwahlprogramme, 250.000 Themenpostkarten unter die Menschen gebracht. Selbst wenn man meint, nur ein Bruchteil davon würde über eine App gebucht: Niemand konnte zu Beginn dieses Projektes sagen, was das eigentlich in MB an Daten bedeutet, wenn man sie erfasst. Kurz und gut: Mehr, als gedacht. Die meisten Endgeräte stiegen bei den ersten Tests bei so niedrigen Datenbeständen aus, dass uns das ganze Konzept um die Ohren zu fliegen drohte.

Standards waren dann noch ein Problem: Kennt jemand WebRTC? Nein? Nun. Das ist der Standard, der UserInnen erlaubt, mittels Browser auf Basis von HTML5 auf Funktionen des Endgerätes wie bspw. die Kamera zuzugreifen. Wir hatten nicht mal in Ansätzen eine Ahnung, dass das von iOS bspw. nach über einem Jahrzehnt der Standardisierung immer noch nicht unterstützt wird. Wir haben es auf die harte Tour gelernt.

Unterschiedliche Lesarten ist noch so ein Thema. Man kann in einem Konzept schreiben, so viel man will. Es bleibt immer ein Interpretationsspielraum übrig. Und innerhalb dieses Spielraums entstehen unterschiedliche Ideen bei Menschen, die manchmal nicht kompatibel sind. Je komplexer eine Unternehmung – und diese war verdammt komplex –, desto größer dieser Spielraum. Auch eine Erfahrung.

Von der Serverproblematik will ich eigentlich nicht anfangen. Niemand, der es nicht selbst erlebt hat, kann auch nur in Ansätzen nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn dir deine Maschinen unter dem Hintern wegrauchen exakt ein Tag vor dem Start der App.

Am Ende haben wir das Ziel, das wir erreichen wollten, nicht erreicht. Wir haben jetzt eine App, die ein Nachrichtensystem und eine Umkreissuche mit einer Karte verknüpft, auf der UserInnen Aktionen registrieren können. Ich kenne trotzdem kein Produkt, das in Ansätzen das Gleiche leistet. Und dennoch haben wir noch viel zu tun. Seit heute fahren wir das System erstmals unter Last. Heute sind UserInnen online, die das System nutzen wollen. Und ich sitze den halben Tag daran, die Probleme zu fixen, die unter Last auftreten. Das ist der Job.

Ich bin, auch wenn wir unser Ziel noch nicht erreicht haben, ziemlich stolz auf das, was wir heute als Partisanin an den Start gebracht haben. Wir haben eine innovative Idee gehabt und uns nicht gescheut, Geld in die Hand zu nehmen, sie umzusetzen. Wir haben ein Ergebnis, das – trotz aller Probleme – erstaunlich gut läuft. Wir haben eine Idee, die eine Roadmap ist: Wir wissen, wo wir mit der Partisanin noch hinwollen. Und wir sind die Ersten, die das so anpacken. Keine andere Mitbewerberin hat auch nur in Ansätzen den Schneid gehabt, so viel zu riskieren und am Ende womöglich zu scheitern. Dabei ist Scheitern nicht Schlimmes. Im Gegenteil. Verloren hat man am Ende nur, wenn man nicht wagt. Aber wir haben gewagt. Ein gutes Gefühl.

Das Entscheidende für mich ist aber etwas anderes. Ja, die Partei hat nicht wenig Geld in dieses Experiment gesteckt. Aber wir werden das Ergebnis nicht für uns behalten. Gemeinsam mit den Entwicklern haben wir zu Beginn des Projektes die Entscheidung getroffen, am Ende den Quellcode unter Freier-Software-Lizenz zu veröffentlichen. Es wird kein Produkt für jeden sein, aber eine gute Grundlage, um darauf aufbauend eigene Ideen zu entwickeln. Wir verwirklichen damit auch unseren politischen Anspruch. Die Partisanin ist ein Experiment. Das nicht nur uns nutzen soll. Lasst sie also leben. Mit euren Ideen. Ich freu mich drauf.

3 Antworten auf „Partisanin: A long story short“

  1. Lieber Thomas,
    warum ist die iOS-App nur über Umwege als „iPhone-App“ auf dem iPad nutzbar? Bitte schnell korrigieren.
    Übrigens ab iOS11 funktioniert auch WebRTC mit Safari (zumindest die Public Beta kann das). Ansonsten teste doch mal den Google Chrome Browser auf Deiner iOS10 Device, soweit mir bekannt, soll der WebRTC können.
    Bitte kommuniziere auch dringend nochmal, wann die Android-Version erscheint, bevor es negatives Feedback hagelt.
    Viele Grüße,
    Kai

    1. Hallo Kai, das ist eine Ressourcenfrage. Und das haben wir auch immer so kommuniziert. Wenn wir uns entscheiden müssen, ob wir die Sync in die App bringen oder eine an und für sich funktionierende App für Pad-Retina hübsch machen, entscheiden wir uns für die Sync. Das Problem ist, dass es bei nativen Apps von iOS kein Responsive Design gibt. Layout wird je Auflösung erstellt. Komplett irre. Deshalb ist da auch nichts schnell zu machen.

      Was Android angeht: Wir haben mit höchster Priorität die Webapp entwickelt. Die kann man unter Android nicht nur verwenden, sondern über Manifest auch installieren. Es stimmt einfach nicht, dass es keine App für Android gibt. Die Webapp ist für Android und für jedes andere OS, das nicht so bekloppt ist wie iOS.

      Ach ja: Im September kommt iOS 11. Bissl spät. 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.